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Zwischen zwei Reisen

Freitag, 14.08.2020 – Eine jammernde Caro hinter mir, sitze ich am Schreibtisch unseres Quarantäne-Domizils in Vancouver (Kanada). Heute ist zwar erst Tag eins unserer selbst auferlegten 5-tägigen Heilfasten-Kur, trotzdem geht sie bereits fest von ihrem bald einsetzendem Ableben aus. Sätze wie „Ich will ein Schnitzel.“, „Das kann doch nicht gesund sein.“ oder der Klassiker „Ich habe Hunger!“ fallen im Minuten-Takt.
Doch ist das Fasten meiner Meinung nach dringend notwendig, wurde doch in den Wochen vor unserer Reise ordentlich Raubbau am eigenen Körper betrieben. Doch fangen wir von vorne an…


Nach der großen Nordkap-Reise

Im September letzten Jahres hatte ich meine Radreise ans Nordkap beendet. Danach hieß es dann erst einmal: „Ganz entspannt machen.“ Das Fahrrad wollte ich zunächst nicht mehr sehen. Die letzten 1000 – 2000 Kilometer waren auf Grund des arg verschlissenen Kettenkranzes kein fahrerisches Vergnügen mehr gewesen. Bevor der Bock noch einen Kilometer über die Lausitzer Radwege rollt, musste an dieser Stelle erst einmal Ersatz her. Aber Freunde und Familie wiederzusehen, war in dem Moment sowieso viel wichtiger.
Anfang Oktober machte ich mich dann auf zu einer kleinen Radtour zur Neiße-Quelle. Diese befindet sich im tschechischen Isergebirge. Dabei lag mein Augenmerk auch auf dem Test von Equipment-Alternativen. Allerdings konnte mich die Hängematte, die mir Jerome lieh, nicht überzeugen. Ich würde eventuell nochmal ein Exemplar in meiner Größe testen, bevor ich mir ein abschließendes Urteil erlaube, bleibe aber vorerst bei meinem Zelt. Die Tour verlief recht ruhig. Mit wenig Gepäck ließen sich die steilen Anstiege gut bewältigen. Daher entschloss ich mich, noch eine kleine Extrarunde durchs Gebirge zu drehen.

Herbstlich, aber wunderschön war meine Radtour zur Neiße-Quelle.


Der Berg ruft


Die nächsten größeren Reisepläne waren erst für den Sommer 2020 angedacht. So lange sollte Caro noch die Schulbank drücken. Eine steile Karriere beginnen wollte ich für ein dreiviertel Jahr nun nicht, aber irgendeine Arbeit musste her. Mit der Suche ließ ich mir zunächst Zeit. Im Dezember erhielt ich einen Anruf eines guten Kumpels. Seine Freundin arbeitet in einem Skigebiet in Österreich und da sei grade jemand abgesprungen. Ich musste mich schnell entscheiden. Die Saison lief bereits an. Natürlich sagte ich zu.


Glücklicherweise lieh mir meine Freundin ihren kleinen roten Panzer. Der hatte zwar schon fast 250.000 Kilometer auf dem Buckel, lief aber außer dem erhöhtem Geräuschpegel einwandfrei. Mühsam quälte sich der Mitsubishi Colt mit seinen 75 PS das Arlberg-Massiv hinauf, um mich und Nico, der das Auto später auch wieder zurück nach Cottbus brachte, sicher in Lech abzusetzen. Am ersten Abend feierte der Sportpark Lech, wo ich fortan arbeiten sollte, gleich einen Tag der offenen Tür. Also wurde die Karre abgestellt und erst einmal die Kehle ordentlich geölt, gab ja schließlich Freibier. Während des Abends verschob mein Chef meinen Dienstbeginn für den nächsten Tag dann lieber mal von 10 auf 11. Da wusste er noch nicht, dass ich auch nach durchzechten Nächten noch pünktlich und einigermaßen fit auf der Matte stehen kann. Dies sollte sich bei der Arbeit hinter der Bar auch das ein ums andere Mal als Vorteil herausstellen. Auch sonst hatte ich dort nichts auszustehen. So viel Spaß hatte ich beim Arbeiten lange nicht mehr. Das lag vor allem aber auch am guten Team!


So wäre es sicher noch bis Ende April weitergegangen. Doch wie der ein oder andere vielleicht schon gehört hat, wurde die Skisaison in Österreich in diesem Jahr bereits etwas eher beendet. Schade! Ich hätte hier wirklich gerne noch eine Weile gearbeitet.

Das ist doch mal ein schöner Arbeitsweg.


Die Flucht


Zumindest sind wir finanziell wesentlich glimpflicher davongekommen, als einige andere. Glimpflich lief auch meine Flucht von dort ab. Caro war gekommen, um mich und meinen Krempel abzuholen. Ein Bekannter, der ebenfalls bei mir im Haus wohnte, kam die Treppe runter gelaufen und meinte: „Willy, in 20 Minuten machen sie hier dicht!“. Ich wollte es erst gar nicht glauben, aber als meine Kollegin Maria dann via Telefon ähnliches gesagt bekam, handelten wir schnell und ergriffen die Flucht. Zum Glück waren wir eh schon am Packen und mussten nur noch alles ins Auto schmeißen. So kam uns die Polizei ein paar hundert Meter vor dem Pass entgegen, wo sie kurz darauf die Straße sperrte. Meine Wohnung war allerdings alles andere als bereit für die Übergabe. Mein Arbeitgeber und Vermieter, die Gemeinde Lech, hatte hier zum Glück Nachsehen auf Grund der besonderen Umstände.

Caro zu Besuch in Österreich.


Deutschland – ein Gammelsommer


Zu Hause hieß es erstmal: 14 Tage Quarantäne. Diese verbrachten wir in Bad Muskau bei meinen Eltern. Zum Glück standen ein paar Arbeiten (wie z. B. Kompost sieben) an, um die Zeit etwas abwechslungsreicher und sinnvoller zu gestalten. In der nächsten Zeit passierte zunächst nicht viel. Meine Branche, den Tourismus, hatte der Corona-Virus vorübergehend lahmgelegt. Das sah auch das Arbeitsamt ein. Mit dem Versprechen, im Laufe des Jahres nach Kanada zu ziehen, gab man sich dort recht schnell zufrieden. Wieder ein Maul weniger, das gestopft werden muss. Auch die Verlängerung der Bezugsdauer von ALG 1 kam mir sehr gelegen. So konnte ich ganz beruhigt abwarten, bis Caro ihren Abschluss als Erzieherin in der Tasche hatte und wir endlich nach Kanada reisen durften. Glücklicherweise hatte es so einige Freunde in den letzten Jahren wieder in die Heimat verschlagen. So wurde es eigentlich nie langweilig, weil immer eine kleine Zusammenkunft anstand.

Mit meinem Cousin bin ich im Frühjahr von Bad Muskau nach Cottbus gewandert.
Auch Frieda freute sich, dass wir so viel Zeit hatten.


Wer hätte das gedacht?


Auch eine 5-tägige Radtour bis ins Elbsandsteingebirge und entlang der Elbe stand noch auf dem Plan. Diese fuhr ich zusammen mit Holsten-Paule, den ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein halbes Jahr nicht mehr gesehen hatte. Auch er ist während der Corona-Zeit auf den Geschmack gekommen, was das Radfahren betrifft.

Hätte man vor drei, vier Jahren einem Insassen des Cottbuser Fanbusses nach Duisburg oder Köln gesagt, dass die beiden besoffenen Schwergewichte, die sich da torkelnd am Bockwurstkocher festhalten, einmal ein paar hundert Kilometer lange Radtouren machen, hätte es dieser wohl für wahrscheinlicher befunden, dass Energie zu diesem Zeitpunkt den FC Liverpool aus der Champions League schießt. Tja, manchmal kommt es anders und selten wie gedacht.

Anno 2016: v. l. Ich, Holsten-Paule, Clemens


Die große Bühne


Ein weiteres persönliches Highlight stellte für mich ein Auftritt in der Hafenstube in Weißwasser dar. Hier wurde ich eingeladen, die Veranstaltungsreihe „WeltenBummler – Lausitzer Reiseberichte“ mit einem 2-stündigen Vortrag über meine Radreise ans Nordkap zu eröffnen. Anfangs war ich so aufgeregt, wie lange nicht. Spätestens, als sich der Saal immer mehr füllte und sogar weitere Stühle hineingetragen werden mussten, wurde ich doch zunehmend nervös. Schließlich hatte ich noch nie am Mikrofon und schon gar nicht vor etwa 100 Leuten gesprochen. Doch die Aufregung war unnötig, wie sich dann im Laufe des Abends herausstellte. Den Leuten hat’s gefallen, der Presse auch. Auch ich hatte meinen Spaß und konnte den Vortag nach anfänglicher Nervosität immer mehr genießen. Ein Kommentar meines ehemaligen Sportlehrers ist mir davon noch ganz gut in Erinnerung geblieben. Er sagte: „Willy, als ich von deiner Tour in der Zeitung gelesen hab, bin ich fast vom Klo gefallen. Das hätte ich jedem aus der Klasse zugetraut, außer dir.“

Auf großer Bühne berichtete ich von meiner Reise.


Mal wieder ein Abschied


Mittlerweile hatte Caro die Schule fertig, wir beide einen Job in Kanada und damit trotz der aktuellen Beschränkungen eine Einreiseerlaubnis. Doch bevor es losging, stand uns noch der schwerste Teil einer jeden Reise bevor: der Abschied von Freunden und Familie. Da der Freundeskreis aber zu groß und bezüglich des Wohnortes auch zu heterogen ist, musste zweimal gefeiert werden. Naja, macht ja nichts! In Cottbus durften wir dafür dankenswerterweise das direkt an der Spree gelegene „Chekov“ nutzen.

Die Abschiedsfeier in Cottbus wurde mit einem beherztem Griff ins Knoblauchnetz begonnen.

In Bad Muskau wurde auf das Anwesen meiner Eltern zum Fest geladen. Besonders das letzte Wochenende in der Heimat hatte körperlich geschlaucht. Freitag war unsere Abschiedsfeier, Samstag feierten meine Eltern in großer Runde Geburtstag und Sonntag kamen nochmal ein paar der besten Freunde zum Frühschoppen vorbei. Ihr könnt euch vorstellen, wie das ablief. Und falls nicht, sprechen drei leere Fässer Landskron zum Ende des Wochenendes für sich. Außerdem ist es auch nicht so, dass wir in den Wochen davor besonders enthaltsam gelebt hätten. Einer meiner besten Kumpels, Thomas, beschreibt die exklusive Küche im Hause Klein immer mit den Worten: „Willy, bei mir gibt’s Rührei und bei euch gibt’s Rib-Eye!“. Recht hat er! Ich habe bestimmt schon Tiere verspeist, von denen der gemeine Pöbel noch nicht mal gehört hat. (Das Wort Pöbel verwende ich übrigens nur unter größtem Protest meiner Korrekturleserin. Sie findet es herablassend. Ich hingegen vertraue darauf, dass der größte Teil meiner Leserschaft ein Verständnis für diese Art von Humor hat.)

Frühschoppen!


Die Reise beginnt


Sonntagabend wurden wir dann stilecht im Wartburg nach Berlin gefahren, bevor es Montag früh um drei in Richtung Flughafen ging. Schließlich sollte ja das Fahrrad auch noch mit in den Flieger. 21 Stunden und 2 Umstiege (in Frankfurt und Montreal) später waren wir dann auch „schon“ in Vancouver. Ein Direktflug blieb uns auf Grund von „covid-dix-neuf“, wie es aus den Kabinenlautsprechern der Air Canada – Maschine hallte, leider verwehrt.
Nach diesen Wochen der Völlerei kann der ein oder andere vielleicht nachvollziehen, dass ich mich nach einem Reset des Körpers sehne und deshalb erstmal ein paar Tage faste. Soll ja gesund sein und außerdem spart man sich die Versandkosten beim Supermarkt-Lieferdienst. Selbst einkaufen dürfen wir ja nicht. Caro macht halt notgedrungen mit. Wer soll auch sonst für sie kochen? Außerdem ist es auch interessant, zu erfahren, wie der Körper auf eine derartige Nahrungsverweigerung reagiert. Da die nächsten Radreisen eher extremer werden, kann man ja nie wissen, ob diese Erfahrung mal für etwas gut ist.


Sofern wir die Quarantäne überleben, geht es für uns etwa 900 Kilometer in den Norden, wo wir beim Ausbau eines Ferienressorts helfen. Auf den Job freue ich mich riesig. Noch viel mehr aber auf die Landschaft und die damit einhergehenden Herausforderungen. 300 Kilometer sind es übrigens bis zum nächsten Krankenhaus, also heißt es für mich, auf meine Finger aufzupassen, sonst dauert das in Zukunft etwas länger mit dem Schreiben des nächsten Blogeintrages.

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